Warum der grüne Wandel nur mit der „Seele der Seefahrt“ gelingen kann

Die SMM, die weltweit führende Fachmesse der maritimen Industrie, versammelt die Branche erneut in Hamburg, um die Weichen für die Dekarbonisierung und den grünen Wandel der globalen Schifffahrt zu stellen. Doch inmitten der Debatten über alternative Antriebssysteme und digitale Effizienzoptimierung droht ein weiterer entscheidender Erfolgsfaktor in der Passagierschifffahrt übersehen zu werden: die Gäste selbst und das, was eine Reise unvergesslich und inspirierend macht. In der SMM-Podiumsdiskussion erläuterte CEO Bent Martini, warum ein radikaler Fokus auf Effizienz nicht dazu führen darf, dass der emotionale Wert und das Passagiererlebnis einer Seereise verloren gehen.

Am 1. September 2026 leitete der renommierte strategische Innovationsberater und Experte für die maritime Industrie, Thomas P. Illes, die hochkarätige Podiumsdiskussion „Passagiererlebnis auf See – zwischen betrieblicher Effizienz und emotionalem Mehrwert“, an der unter anderem Bent Martini, CEO von Havila Voyages, als einer der führenden Vertreter der Branche teilnahm.

Die SMM-Podiumsdiskussion befasste sich mit einer entscheidenden und hochaktuellen Frage sowohl für den Fähr- als auch für den Kreuzfahrtsektor: Laufen Teile der Branche bei ihrem Streben nach Effizienz, Kapazität und Optimierung Gefahr, nach und nach genau jene Elemente zu beseitigen, die das Reisen auf See so einzigartig und emotional attraktiv machen?

Für Martini müssen technologischer Fortschritt und Passagiererlebnis Hand in Hand gehen: „Wir können in hochmoderne und nachhaltige Schiffe investieren, aber wenn wir die emotionale Verbindung zwischen den Menschen, dem Meer und der Landschaft verlieren, riskieren wir auch, einen Teil dessen zu verlieren, was die Reise überhaupt erst zu etwas Besonderem macht“, so Martini.

Der Irrtum der reinen „Excel-Optimierung“

In der gesamten Passagierschifffahrt werden erhebliche Investitionen in die Innenausstattung, Gastronomiekonzepte und differenzierte Erlebnisse an Bord getätigt. Gleichzeitig zeigen einige moderne Fährkonzepte einen zunehmend funktionalen und nüchternen Ansatz bei der Innenraumgestaltung, wobei die Räume in erster Linie von betrieblichen und kostentechnischen Überlegungen geprägt sind. Wie Illes in einer vielbeachteten Grundsatzrede auf der renommierten Shippax Ferry Conference Anfang dieses Jahres analysierte, droht eine Art „architektonische Eiszeit“, deren nüchterner Charakter oft eher an sterile, funktionale Gebäude erinnert als an Passagierschiffe.

Eine ähnliche Spannung lässt sich sowohl bei Fähren als auch bei Kreuzfahrtschiffen beobachten, wenn es um die direkte Beziehung zwischen Passagieren und dem Meer geht. Offene Deckbereiche mit ungehinderter Aussicht können eingeschränkt werden, Sichtlinien unterbrochen werden, und hohe Verglasungen oder zunehmend geschlossene Außenbereiche können das unmittelbare Gefühl für Wind, Meer, Wetter und Horizont mindern – und gleichzeitig die Passagiere von den vorbeiziehenden Landschaften und Reisezielen distanzieren, die jeder Route ihren unverwechselbaren Charakter verleihen. Illes warnt vor den langfristigen Folgen dieser Entwicklung für die Kundenbindung:

„Passagiere, die sich in einer seelenlosen Umgebung nicht mehr zurechtfinden, stufen das Produkt einer Seereise unbewusst auf eine bloße, austauschbare Transportdienstleistung herab. Wenn die direkte Verbindung zum Meer, das Erleben der Elemente und der Blick auf spektakuläre Naturphänomene wegfallen, besteht die Gefahr, dass ein wichtiger Teil des Gesamtpotenzials des Geschäftsmodells untergraben wird: die Fähigkeit, die Seereise an sich zu einem attraktiven Angebot zu machen.“

Diese Frage hat auch eine generationsbezogene Dimension. Wenn Fähr- und Kreuzfahrtunternehmen ihre Attraktivität steigern und jüngere sowie zukünftige Kundensegmente ansprechen wollen, müssen sie Räume schaffen, die mehr bieten als nur effiziente Beförderung oder eine raffinierte Innenausstattung. Offenheit, Entdeckungsfreude und direkte Begegnungen mit der Natur und der Meeresumwelt schaffen jene unvergesslichen, visuell eindrucksvollen und sogar „instagrammable“ Momente, die Passagiere gerne festhalten und teilen möchten.

Atmosphäre als Umsatztreiber: Design sichert zusätzliche Einnahmen

Die emotionale Inszenierung des Reiseerlebnisses ist weit mehr als bloße Ästhetik – sie ist ein entscheidender wirtschaftlicher Faktor. Ein gelungenes Passagiererlebnis wirkt sich direkt positiv auf das Geschäftsergebnis aus, da eine harmonische Wohlfühlatmosphäre nachweislich dazu führt, dass Gäste mehr Zeit in den öffentlichen Bereichen verbringen.

„Passagiere, die sich an Bord wohl, sicher und fasziniert fühlen, zeigen eine deutlich größere Bereitschaft, zusätzliche Angebote wie Gastronomie, Landausflüge oder Boutiquen in Anspruch zu nehmen. Ein steriles Schiffsdesign, das sich ausschließlich auf Effizienz konzentriert, mag zwar kurzfristig die Bau- und Betriebskosten senken, langfristig kann es jedoch wertvolle Umsatz- und Markenpotenziale an Bord untergraben – und sich letztendlich als sehr kostspielig erweisen“, erklärt Illes.

Der alternative Ansatz: Das Schiff als Schaufenster für die Natur

Havila Voyages demonstriert Tag für Tag auf der historischen norwegischen Postschiffroute, wie diese Symbiose aus hocheffizientem Design und ultimativem Passagiererlebnis in der Praxis aussieht. Die Flotte gleitet nicht nur geräuschlos und emissionsfrei durch UNESCO-Welterbestätten wie den Geirangerfjord, sondern das Design der Schiffe wurde auch speziell im Einklang mit der Natur entwickelt. Anstatt die Passagiere hinter hoch aufragenden Glaswänden oder in sterilen, funktionalen Innenräumen zu isolieren, verfügen die Schiffe über riesige Panoramafenster, uneingeschränkte Ausblicke und großzügige, frei zugängliche Außendecks, wie beispielsweise den Bugbereich. Hier wird das Meer nicht in den Hintergrund gedrängt, sondern bleibt der unbestrittene Star der Reise.

Dieser Ansatz verdeutlichte eine der zentralen Schlussfolgerungen der SMM-Diskussion: Effizienz und Innovation müssen nicht auf Kosten von Emotionen gehen. Durchdachtes Design kann sowohl betriebliche Anforderungen als auch den grundlegenden Grund erfüllen, warum sich viele Passagiere überhaupt für eine Reise auf dem Seeweg entscheiden.

Im Mittelpunkt steht das Erlebnis der Passagiere

Für Havila Voyages geht emotionale Kundenbindung weit über das bloße Wohlfühlen an Bord hinaus – sie ist der Schlüssel zu mehr Umweltschutz. „Wir möchten unsere Gäste aktiv dazu ermutigen und inspirieren, ihren eigenen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit zu leisten“, erklärt Bent Martini. „ Als Küstenkreuzfahrtunternehmen können wir dies jedoch nur dann erreichen, wenn die Menschen an Bord eine tiefere, unverfälschte Verbindung zu unserer empfindlichen Küste und den Elementen aufbauen können.“

„Nur durch das ungefilterte Erleben spektakulärer Natur wird das Bewusstsein für deren Schutzbedürftigkeit geschärft. Wer die Seele der Seereise mit rein funktionaler Architektur einengt, verpasst die Chance, Passagiere zu echten Botschaftern für den ökologischen Wandel zu machen“, schließt Martini.

Hinweis: Dieser Beitrag stammt aus unserem Archiv der Pressemitteilungen der Kreuzfahrt-Anbieter - eine Überprüfung oder Bewertung der Inhalte durch cruisetricks.com findet nicht statt.